Es gibt Dinge, die werde ich nie vergessen. Zum Beispiel, wie oft ich mir nach der Schule die Schaufenster angeguckt habe und wie weh es mir manchmal direkt körperlich tat, dass ich wusste, ich würde mir die tollen Schuhe, Jacken, Pullover, Trainingsanzüge und Hosen nie leisten können. Da kostete eine Hose schon mehr als das, was Papa jährlich für Klamotten rausrückte!
Ich fuhr zweimal jährlich mit Sandra in den Schlußverkauf, wo wir uns für wenig Geld möglichst viele Sachen kauften - Sweatshirts, die nach der ersten Wäsche aussahen wie drei Jahre nonstop getragen, Synthetikpullis, unter denen ich stark schwitzte, weil meine beiden T-Shirts gerade in der Wäsche waren, und Hosen, die länger waren als meine Beine und die ich daher umschlagen musste.
Oma, die ebenfalls gern in den Schlußverkauf fuhr, brachte uns auch immer etwas mit. Einmal kam sie mit zwei Wollstrumpfhosen an - eines grau, das andere dunkelblau. Natürlich wollte jeder die blaue Strumpfhose haben; wir losten, und Sandra gewann. Mir schien es damals, als würde sie immer gewinnen. "Graue Socken," bemerkte einige Tage später Dieter Henning in der Geschichtsstunde. "Würde ich nur mal wechseln." Ich tat, als habe ich nichts gehört. Ich gebe zu, zu dieser Zeit konnte ich tatsächlich meine Socken nicht täglich wechseln - einfach, weil ich so viele Paare gar nicht besaß. Ich selbst konnte mir keine leisten, und der gelegentliche Dreierpack Tennissocken von Oma musste natürlich auch irgendwann einmal gewaschen werden - auch wenn sie aufgrund der miesen Qualität danach traurig herunterhingen wie die Kaffeebeutel und beim Tragen Falten warfen.
Ein andermal waren wir bei Oma, und diese brachte plötzlich ein Paar pink-schwarze Schuhe mit halbhohem Absatz herbei. "Wer will die haben?" fragte sie uns. "Habe ich aus dem Schlußverkauf." Wir sahen beide sehnsüchtig die Schuhe an - trugen wir doch zwei Jahre alte, zerschlissene Lackschuhe -, und wir beide sagen: "Ich möchte sie haben." "Derjenige, dem sie passen, kriegt sie," entschied Mama. Ich durfte zuerst anprobieren, und auch beim besten Willen mußte ich mir eingestehen, dass ich in den Dingern spazieren fuhr. Sandra versuchte sie als nächtes. "Mir passen sie," sagte sie zufrieden. Mama besah die Schuhe kritisch. "Aber auch nur ,weil du die Zehen zusammenkneifst, schätze ich." "Das ist doch kein Problem," sagte Oma sofort, eilte ins Badezimmer und kam mit einer Tüte Watte zurück. Sie nahm die Schuhe, stopfte sie vorne aus, und Sandra nahm sie stolz entgegen. Ob sie darin lange laufen konnte, weiß ich nicht mehr - als ich mir damals die Ballerinaschuhe in Größe 40, die Oma ein andermal mitbrachte, mit Watte ausstopfte, tat es mir jedenfalls an den Zehen eklig weh. Aber ich war froh, überhaupt etwas zu haben.
"Heh," schrie einmal jemand quer durch den Bus. "Die trägt Schuhe mit zwei Streifen! Das sind Asi-Schuhe!"
"Tolle Jeans," meinte einmal ein Schüler, der eine Klasse über mir war. "Wo hast du die her? Zwei Mark im Zehnerpack bei Aldi?"
"Hier kommt die billige Schlampe," stellte Ajete einmal fest und zeigte stolz ihr neues Levi´s-Sweatshirt.
Ich weiß auch noch, wie es damals war, als ich das erste Mal in Frankreich war. Josephine, meine Austauschpartnerin, war ein Jahr jünger als ich. Und als wir uns einmal mit ihren beiden Freundinnen trafen, fingen sie plötzlich an, ihre Kleidung zu vergleichen. "Converse," sagte Josephine und zeigte auf ihre Schuhe. "Pepe." Die Jeans. "Diesel." Der Gürtel. "Nike." Das T-Shirt. "Und was hast du für Marken?" fragte sie mich dann. Ich, in Schuhen für sechs Mark, einer zwei Jahre alten Jeans, die damals dreissig Mark gekostet hatte und einem T-Shirt für acht Mark, konnte nicht einmal vorgeben, sie nicht zu verstehen - sie wusste ja, dass ich gut Französisch sprach. Ich antwortete also einfach, dass ich keine Marken trüge, und ich hatte das Gefühl, dass jeder wusste weshalb.
Zwei Tage später war eine Strandparty angesagt. Josephine zeigte mir schon vor der Abfahrt eine Schachtel Zigaretten und sagte: "Ich werde heute Abend rauchen. ABer du sagst es nicht meinen Eltern, bitte." Für mich war das kein Problem. Von mir erfuhr auch niemand, dass Josephine schon zwei Stunden später total besoffen im Sand lag und nichts mehr mitbekam.
Einige Meter entfernt hockte ich mit Carolin, Sandras Klassenkameradin, die ebenfalls am Austausch, der von beiden Schulen gemeinsam veranstaltet wurde, teilnahm, und starrte aufs Meer hinaus. "Meine neuen Schuhe drücken," bemerkte Carolin. Ich warf einen Blick auf ihre nachgemachten Chucks (ich selbst trug auch nachgemachte, nur bei mir sah man direkt, dass es keine echten waren) und meinte, das werde sich geben, wenn sie erst mal eingelatscht wären.
"Ich weiß nicht, ob ich die noch mal anziehe," seufzte Carolin. "Ich glaube, zu Hause sowieso nicht. Sind ja keine echten, haben nur zwanzig Mark gekostet." "Müssen es unbedingt echte sein?" fragte ich. "Natürlich," fuhr Carolin auf. "Guck mal deine an, da sieht doch direkt jeder, dass sie nachgemacht sind, und denkt sich seinen Teil. Bei meinen muß man zweimal hingucken um zu sehen, dass sie nicht echt sind."
Ich schluckte, sagte aber nichts dazu. "Ich trage nur Marken," fuhr Carolin fort. "Das muß man heutzutage. Guck mal - wenn du deine Klamotten bei C&A kaufst, die anderen lachen dich doch aus! Selbst wenn sie nicht direkt was sagen, die merken das doch!"
Ich sah die unförmige Carolin, die an Wassereinlagerungen litt und deshalb ihre Kilos nicht herunterbekam, lange an. "Du legst ziemlich viel Wert darauf, was die anderen sagen, oder?" erkundigte ich mich. Sie nickte. "Versuchst du vielleicht zu kompensieren, dass du so dick bist?" fragte ich anteilnehmend - Carolin tat mir direkt leid in dem Moment. "Ja, wahrscheinlich schon," gab sie zu. "Der Arzt sagt, wenn ich volljährig bin, kann man da was machen. Vorher nicht. Ich finde es schlimm, dass alle, die nicht wissen, dass ich krank bin, denken, ich bin einfach nur fett." "Ja, das kann ich mir vorstellen," seufzte ich.
"Sag mal," wechselte Carolin das Thema. "Du und Sandra - warum zieht ihr euch nicht auch mal was flotter an?" "Weil ich keine Kohle habe," gab ich zu. "Na und?" Carolin lächelte mich an. "Dann geh doch einfach mal zu deinem Vater oder deiner Mutter und sag denen, du möchtest mal eine richtige Jeans haben. Sie sollen dir mal hundert Mark dafür geben." "Das glaubst du doch selbst nicht, dass sie das tun," seufzte ich. "Wenn ich hundert Mark im Jahr kriege, ist das schon viel."
"Du Ärmste!" Carolin sah mich mitleidig an. "Hast du es denn jemals versucht? Ich meine, dein Vater will doch bestimmt auch nicht, dass alle euch auslachen wegen eurer Klamotten und so." "Dem ist das ganz egal," gestand ich. "Hauptsache, er sieht selbst schick aus. Ich hol mir was zu trinken." Damit stand ich auf und ließ Carolin allein.