• Wohin geht der Papa mit der Kuh?

    Inspiriert durch dieses Blog hier fiel mir heute eine Geschichte ein die ich schon ewig bloggen wollte.

    Ich erinnere mich selber nicht mehr an den Vorfall, meine Mutter erzaehlt die Geschichte jedoch immer wieder gern wenn es darum geht wie altmodisch doch die Mutter meines Vaters war.

    Oma Kaethe war erzkatholisch und grundanstaendig. Sie war entsetzt als sich heraus stellte dass meine Mutter die Blinddarm-Narbe meines Vaters kannte. Zu dem Zeitpunkt lief meine Schwester schon (und sie lief spaet).

    War man in der Familie meines Vaters da sehr verklemmt, nennt man in der meiner Mutter die Dinge beim Namen, und da die Erziehung von uns Frauensache war, wurden wir da sehr offen erzogen (auch wenns nicht totdiskutiert wurde).

    Ich muss etwa dreieinhalb Jahre alt gewesen sein als mein Vater eine unserer Kuehe an den Traktor band und mit ihr von dannen fuhr.

    "Wohin faehrt der Papa mit der Kuh?" fragte ich.

    "Spazieren." antwortete meine Oma schnell. "Die waren ein bisschen spazieren!"

    "Das ist doch gar nicht wahr!" protestierte ich. "Der bringt die jetzt zum Stier, und dann gibt der Stier ihr Samen und sie kriegt naechstes Jahr ein Kaelbchen!"

    Meine Oma lief dunkellila an, und es verschlug ihr glatt die Sprache. Meine Mutter musste sich das Lachen verkneifen.

  • Halloween

    Wir haben nie an Halloween gesammelt, aber gestern erzaehlte ich meinem Mann hiervon und einer Bloggerin hiervon.

    Ich habe mir sagen lassen heute "muss" man den Klapperjungen Geld geben. Irgendwie schade.

  • Man muss auch Prioritäten setzen!

    Ich sitze hier so an meinem Schreibtisch, gebe Daten ein, und plötzlich kommt mir eine Episode in den Sinn, die sich früher des öfteren wiederholt hat. Hauptakteure waren dann grundsätzlich Papa, eine von uns und die andere in der Nebenrolle.

    So kam Papa beispielsweise mit dem Befehl, dass heute das Auto gewaschen werden oder die Straße gekehrt müsse. "Ich hab keine Zeit," widersprach dann Sandra oder widersprach ich. "Wir schreiben morgen eine Mathearbeit, ich muss mich noch vorbereiten." Oder: "Wir haben heute so viel auf, ich muß meine Hausaufgaben machen." "Ich mach das auch nicht allein," meldete sich dann die Schwester zu Wort. Und zu unserem allergrößten Erstaunen meinte Papa dann, okay, dann macht ihr es halt morgen.

    Je nach seiner Laune ging das Spiel dann aber noch weiter. Es konnte vorkommen, dass er beim Heimkommen nach uns schrie, wir wie üblich mit einem unguten Gefühl auf der Treppe erschienen, und er fragte: "Biste am lernen?" Oder aber er rannte die Treppe hoch, bollerte gegen die Zimmertür, riß sie auf und war sichtlich enttäuscht, wenn man tatsächlich das Mathe- oder Erdkundebuch vor der Nase hatte und nicht die Bravo oder ähnliche Heftchen. Da er nicht zugeben wollte, dass es sich um einen Kontrollgang in Sachen Lernen handelte, murmelte (oder schrie er, ganz nach Laune) etwas von Zimmeraufräumen und begab sich der Gerechtigkeit halber auch nach nebenan, wo er meistens auch noch etwas zu Meckern vorfand.

    Hatten Sandra oder ich dann nach Schule und Hausarbeit (bei den "Standardaufgaben" wie Spülen, Kehren, Staubsaugen, Holz holen etc. galt das Argument "Lernen" nicht, da man ZUERST die Hausarbeit machen musste und DANN Freizeit hatte, wobei Schule natürlich von der Freizeit abging) den ganzen Nachmittag geochst (oder zwischendurch auch mal eine Pause gemacht und ein Magazin gelesen, wer weiß das schon?), war es uns in unserem Fleiß und Eifer nicht anzuraten, uns später zur abendlichen Vorabendserie oder dem Krimi im Zweiten vor dem Fernseher sehen zu lassen.

    Kam Papa hereingepoltert, wurde er nämlich sofort laut: "Ich denke, du musst lernen?" fauchte er dann. "Hast du nicht gesagt, du schreibst morgen Mathematik? Geh hoch und lern - aber sofort!" Und ging man dann hoch, konnte es passieren, dass er keine zwei Minuten später in der Tür stand und kontrollierte, ob wir auch tatsächlich lernten.

    Wir waren immerhin Maschinen. Und als solche konnten wir auch den ganzen Tag und den ganzen Abend pauken.

    Ganz selten erkundigte sich Papa am nächsten Tag, wie es mit der Klassenarbeit geklappt hatte. Ich glaube, er hat sie vergessen, bis die Note auf dem Tisch und seine Unterschrift erforderlich waren. Nur eines vergaß er grundsätzlich nie: "Jetzt wird aber heute das Auto gewaschen!"

  • Markenklamotten

    Es gibt Dinge, die werde ich nie vergessen. Zum Beispiel, wie oft ich mir nach der Schule die Schaufenster angeguckt habe und wie weh es mir manchmal direkt körperlich tat, dass ich wusste, ich würde mir die tollen Schuhe, Jacken, Pullover, Trainingsanzüge und Hosen nie leisten können. Da kostete eine Hose schon mehr als das, was Papa jährlich für Klamotten rausrückte!

    Ich fuhr zweimal jährlich mit Sandra in den Schlußverkauf, wo wir uns für wenig Geld möglichst viele Sachen kauften - Sweatshirts, die nach der ersten Wäsche aussahen wie drei Jahre nonstop getragen, Synthetikpullis, unter denen ich stark schwitzte, weil meine beiden T-Shirts gerade in der Wäsche waren, und Hosen, die länger waren als meine Beine und die ich daher umschlagen musste.

    Oma, die ebenfalls gern in den Schlußverkauf fuhr, brachte uns auch immer etwas mit. Einmal kam sie mit zwei Wollstrumpfhosen an - eines grau, das andere dunkelblau. Natürlich wollte jeder die blaue Strumpfhose haben; wir losten, und Sandra gewann. Mir schien es damals, als würde sie immer gewinnen. "Graue Socken," bemerkte einige Tage später Dieter Henning in der Geschichtsstunde. "Würde ich nur mal wechseln." Ich tat, als habe ich nichts gehört. Ich gebe zu, zu dieser Zeit konnte ich tatsächlich meine Socken nicht täglich wechseln - einfach, weil ich so viele Paare gar nicht besaß. Ich selbst konnte mir keine leisten, und der gelegentliche Dreierpack Tennissocken von Oma musste natürlich auch irgendwann einmal gewaschen werden - auch wenn sie aufgrund der miesen Qualität danach traurig herunterhingen wie die Kaffeebeutel und beim Tragen Falten warfen.

    Ein andermal waren wir bei Oma, und diese brachte plötzlich ein Paar pink-schwarze Schuhe mit halbhohem Absatz herbei. "Wer will die haben?" fragte sie uns. "Habe ich aus dem Schlußverkauf." Wir sahen beide sehnsüchtig die Schuhe an - trugen wir doch zwei Jahre alte, zerschlissene Lackschuhe -, und wir beide sagen: "Ich möchte sie haben." "Derjenige, dem sie passen, kriegt sie," entschied Mama. Ich durfte zuerst anprobieren, und auch beim besten Willen mußte ich mir eingestehen, dass ich in den Dingern spazieren fuhr. Sandra versuchte sie als nächtes. "Mir passen sie," sagte sie zufrieden. Mama besah die Schuhe kritisch. "Aber auch nur ,weil du die Zehen zusammenkneifst, schätze ich." "Das ist doch kein Problem," sagte Oma sofort, eilte ins Badezimmer und kam mit einer Tüte Watte zurück. Sie nahm die Schuhe, stopfte sie vorne aus, und Sandra nahm sie stolz entgegen. Ob sie darin lange laufen konnte, weiß ich nicht mehr - als ich mir damals die Ballerinaschuhe in Größe 40, die Oma ein andermal mitbrachte, mit Watte ausstopfte, tat es mir jedenfalls an den Zehen eklig weh. Aber ich war froh, überhaupt etwas zu haben.

    "Heh," schrie einmal jemand quer durch den Bus. "Die trägt Schuhe mit zwei Streifen! Das sind Asi-Schuhe!"

    "Tolle Jeans," meinte einmal ein Schüler, der eine Klasse über mir war. "Wo hast du die her? Zwei Mark im Zehnerpack bei Aldi?"

    "Hier kommt die billige Schlampe," stellte Ajete einmal fest und zeigte stolz ihr neues Levi´s-Sweatshirt.

    Ich weiß auch noch, wie es damals war, als ich das erste Mal in Frankreich war. Josephine, meine Austauschpartnerin, war ein Jahr jünger als ich. Und als wir uns einmal mit ihren beiden Freundinnen trafen, fingen sie plötzlich an, ihre Kleidung zu vergleichen. "Converse," sagte Josephine und zeigte auf ihre Schuhe. "Pepe." Die Jeans. "Diesel." Der Gürtel. "Nike." Das T-Shirt. "Und was hast du für Marken?" fragte sie mich dann. Ich, in Schuhen für sechs Mark, einer zwei Jahre alten Jeans, die damals dreissig Mark gekostet hatte und einem T-Shirt für acht Mark, konnte nicht einmal vorgeben, sie nicht zu verstehen - sie wusste ja, dass ich gut Französisch sprach. Ich antwortete also einfach, dass ich keine Marken trüge, und ich hatte das Gefühl, dass jeder wusste weshalb.

    Zwei Tage später war eine Strandparty angesagt. Josephine zeigte mir schon vor der Abfahrt eine Schachtel Zigaretten und sagte: "Ich werde heute Abend rauchen. ABer du sagst es nicht meinen Eltern, bitte." Für mich war das kein Problem. Von mir erfuhr auch niemand, dass Josephine schon zwei Stunden später total besoffen im Sand lag und nichts mehr mitbekam.

    Einige Meter entfernt hockte ich mit Carolin, Sandras Klassenkameradin, die ebenfalls am Austausch, der von beiden Schulen gemeinsam veranstaltet wurde, teilnahm, und starrte aufs Meer hinaus. "Meine neuen Schuhe drücken," bemerkte Carolin. Ich warf einen Blick auf ihre nachgemachten Chucks (ich selbst trug auch nachgemachte, nur bei mir sah man direkt, dass es keine echten waren) und meinte, das werde sich geben, wenn sie erst mal eingelatscht wären.

    "Ich weiß nicht, ob ich die noch mal anziehe," seufzte Carolin. "Ich glaube, zu Hause sowieso nicht. Sind ja keine echten, haben nur zwanzig Mark gekostet." "Müssen es unbedingt echte sein?" fragte ich. "Natürlich," fuhr Carolin auf. "Guck mal deine an, da sieht doch direkt jeder, dass sie nachgemacht sind, und denkt sich seinen Teil. Bei meinen muß man zweimal hingucken um zu sehen, dass sie nicht echt sind."

    Ich schluckte, sagte aber nichts dazu. "Ich trage nur Marken," fuhr Carolin fort. "Das muß man heutzutage. Guck mal - wenn du deine Klamotten bei C&A kaufst, die anderen lachen dich doch aus! Selbst wenn sie nicht direkt was sagen, die merken das doch!"

    Ich sah die unförmige Carolin, die an Wassereinlagerungen litt und deshalb ihre Kilos nicht herunterbekam, lange an. "Du legst ziemlich viel Wert darauf, was die anderen sagen, oder?" erkundigte ich mich. Sie nickte. "Versuchst du vielleicht zu kompensieren, dass du so dick bist?" fragte ich anteilnehmend - Carolin tat mir direkt leid in dem Moment. "Ja, wahrscheinlich schon," gab sie zu. "Der Arzt sagt, wenn ich volljährig bin, kann man da was machen. Vorher nicht. Ich finde es schlimm, dass alle, die nicht wissen, dass ich krank bin, denken, ich bin einfach nur fett." "Ja, das kann ich mir vorstellen," seufzte ich.

    "Sag mal," wechselte Carolin das Thema. "Du und Sandra - warum zieht ihr euch nicht auch mal was flotter an?" "Weil ich keine Kohle habe," gab ich zu. "Na und?" Carolin lächelte mich an. "Dann geh doch einfach mal zu deinem Vater oder deiner Mutter und sag denen, du möchtest mal eine richtige Jeans haben. Sie sollen dir mal hundert Mark dafür geben." "Das glaubst du doch selbst nicht, dass sie das tun," seufzte ich. "Wenn ich hundert Mark im Jahr kriege, ist das schon viel."

    "Du Ärmste!" Carolin sah mich mitleidig an. "Hast du es denn jemals versucht? Ich meine, dein Vater will doch bestimmt auch nicht, dass alle euch auslachen wegen eurer Klamotten und so." "Dem ist das ganz egal," gestand ich. "Hauptsache, er sieht selbst schick aus. Ich hol mir was zu trinken." Damit stand ich auf und ließ Carolin allein.

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    Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam und in meiner Jacke nach dem Schlüssel suchte, drängten sich die Katzen schon schreiend vor der Haustür und gingen mir auf die Nerven. Sie rasten durch den Türspalt, als ich noch nicht mal die Haustür geöffnet hatte, versammelten sich vor dem leeren Futternapf (es wäre Papa nicht eingefallen, sie in seiner Mittagspause zu füttern) und schrien markerschütternd.

    Ging ich dann in die Speisekammer, um eine Dose Futter zu holen, folgten sie mir; öffnete ich die Dose in der Küche, sprangen sie teilweise auf die Anrichte und folgten mir dann im Renngalopp wieder zum Napf.

    Eines Tages, die Katzen gingen mir wieder furchtbar auf die Nerven, war Micky nicht dabei. Micky, Trinchens Sohn, der Kater, der nie hatte kastriert werden müssen und der sich das halbe Gesicht aufgekratzt hatte - heute vermute ich, dass er Grasmilben hatte.

    Mich störte seine Abwesenheit zunächst nur wenig, aber als Mama zwei Tage später nach Hause kam und den Vierbeiner nicht vorfand, fragte sie zunächst Sandra und mich, wo er wäre und wann wir ihn zuletzt gesehen hatten. Wir wußten beide von nichts. Und wir hatten auch kein Interesse an einer Suchaktion.

    Am nächsten Nachmittag, Mama war wieder reichlich betrunken und lag auf dem Sofa unter ihrer Wolldecke, fragte sie mich wieder: "Wo ist Micky?" "Was weiß denn ich?" gab ich zurück. "Wo ist Micky?" fragte sie wieder. "Du weißt doch, wo er ist!"

    Ich war jetzt reichlich genervt und schlug ihr vor, hinauszugehen und ihn zu suchen. "Den brauche ich nicht zu suchen," beschloß Mama. "Wo ist er?" "Weg," sagte ich und schickte mich an, das Wohnzimmer zu verlassen. "Woher soll ich das wissen?" "Wenn du so denkst," sagte Mama beleidigt. "Dann bist du menschlich gesehen echt ein Schwein."

    Mir war das egal, ich ging nach oben und fragte erst einmal Sandra, ob sie etwas über das Verschwinden des Perserkaters wüßte. Aber Sandra schüttelte nur den Kopf. Ich fragte Papa, aber auch der bestritt, etwas darüber zu wissen.

    Mama fragte noch zwei Mal nach dem Tier, dann gab sie auf. Und erst Jahre später outete sich Papa, den Weißen erschossen zu haben.

  • Das Kochen

    Als Mama wieder zu arbeiten begann, oblag es Sandra und mir, das Mittagessen für alle zu kochen. Hatten wir Ferien und Mama war nicht da, war dies auch schon früher gelegentlich unser Job gewesen.

    Eigentlich war das Kochen kein großer Akt, denn Mama hatte alles vorbereitet. In einem Topf befand sich Rotkohl aus dem Glas oder Erbsen und Möhren aus der Dose, in dem anderen aufgetautes Fleisch mit Sauce und im dritten drei Portionen geschälter Kartoffeln in Salzwasser.

    Nun war es an uns, das Gemüse und das Fleisch zu erhitzen, den Tisch zu decken und die Kartoffeln zu kochen. Papa kam um fünf nach halb eins von der Arbeit, und dann musste das Essen auf dem Tisch stehen.

    Meist deckte ich den Tisch mit den angeschlagenen Tellern, während Sandra schon mal am Herd hantierte und mit einem Auge darauf schielte, dass ich ihr ja nicht die ungeliebte alte Gabel mit den hochgebogenen Zinken zuteilte. Ich wollte diese Gabel auch nicht, und so landete sie meist bei Papa, der sich aber wenigstens nicht darüber beschwerte.

    Wenn ich so daran denke, sehe ich uns schon wieder als Kinder von elf und zwölf Jahren - und niemandem hätten wir erlaubt, uns "Kinder" zu nennen - , wie wir verunsichert mit der Gabel in den Kartoffeln herumstocherten, ob sie gar wären, oder im Fleisch rührten, damit nichts anbrannte.

    Gab es Frikadellen - fertig gekaufte, versteht sich -, schoben wir den Fünferpack in die Mikrowelle, und waren wir angewiesen, die Bratwürste aus dem Kühlschrank zu verarbeiten, füllten wir die Pfanne mit Öl, gaben die Würste hinzu, ohne es zunächst heiß werden zu lassen, stachen sie mehrfach mit der Gabel ein, damit sie nicht platzten und wendeten sie von Zeit zu Zeit, bis sie auf beiden Seiten dunkelbraun waren.

    Ich erinnere mich daran, wie wir eines Tages in den Sommerferien tierisch sauer waren, dass Mama allein mit Tante Gitti in den Schlußverkauf gefahren war. Wir wären gerne mitgekommen und besaßen auch jede noch ihr Geburtstagsgeld von Oma und Uroma, aber Mama hatte schlichtweg geseufzt und gesagt, sie wollte nicht, dass wir mitkämen. Es war ihr zu lästig.

    Also blieben wir mit hängender Nase daheim, schliefen bis um zwölf und machten uns um halb eins auf den Weg nach unten, um das Essen zu kochen. Aber keine von uns hatte bedacht, dass Kartoffeln nun einmal länger brauchten als das Fleisch oder der Rotkohl, die nur heiß gemacht zu werden brauchten.

    Als Papa nach Hause kam und die Kartoffeln noch nicht gar waren, machte er uns die Hölle heiß, das werde ich nie vergessen. Wenn er nach Hause käme, habe das Essen fertig zu sein, dann müsste man die Kartoffeln eben früher aufsetzen. Er fasste den Kartoffeltopf an - lauwarm! "Das ist ja noch nicht mal richtig heiß," brüllte er. "Wenn ich das noch einmal erlebe, dann ist aber was los!" Damit nahm er die Bildzeitung und ging ins Wohnzimmer, um sich dort auf die Couch zu legen.

    Sandra und ich verzichteten darauf, uns untereinander zu beschuldigen, wer an die Kartoffeln hätte denken müssen, und blieben schweigend und beklommen in der Küche, bis die Kartoffeln gar waren. Dann erst schalteten wir Fleisch und Rotkohl ab, trugen die Töpfe zu Tisch, und Sandra ging ins Wohnzimmer, um Papa zu sagen, dass das Essen nun fertig war.

    Er grunzte etwas. Und wir saßen vor den vollen Töpfen und warteten auf ihn. Nichts rührte sich. "Das Essen wird kalt," rief meine Schwester. Jetzt endlich stand er auf und kam schweigend in die Küche. Ohne ein Wort zu sagen setzte er sich auf die Eckbank (mir wird nie eine Eckbank in die Wohnung kommen...), tat sich großzügig Kartoffeln und Fleisch auf und weniger großzügig Rotkohl, und dann bedienten Sandra und ich uns.

    Was nicht heißt, daß wir EINANDER bedienten. "Gib mir mal die Kartoffeln" war genauso wenig drin wie derjenigen, die näher am begehrten Topf saß, einfach den leeren Teller hinzuhalten, damit die Schwester einem auftat. Kam ich an das Gemüse nicht dran, stand ich statt dessen auf und reckte mich quer über den Tisch, fast Papa im Gesicht hängend, der seelenruhig weiteraß. Schon traurig, dass die Kommunikation bei uns nicht für ein "Kannst du mir grad zwei Kartoffeln geben" nicht ausreichte!

    Nach dem Essen warf Papa Messer und Gabel scheppernd auf den Teller, der natürlich auf dem Tisch stehen blieb, und ging, nach wie vor ohne ein Wort zu sagen, ins Wohnzimmer, wo er sich wieder auf die Couch legte. Sandra und ich waren dann meist noch am essen. Sobald die erste den Teller leer hatte, fing sie an abzuräumen (die Reste wurden im Topf wieder auf den Herd gestellt) und mit dem Spülen zu beginnen oder ungeduldig zu warten. Wir wechselten uns mit Spülen und Abtrocknen ab, und nie wäre eine von uns auf die Idee gekommen, schon mal Wasser einzulassen, wenn doch die andere mit Spülen dran war.

    Wir verrichteten die Küchenarbeit meist schweigend oder leise miteinander redend, denn durch Papas Anwesenheit fühlten wir uns gehemmt - nie würden wir ihn an unseren kleinen Geheimnissen wie dem frechen Spruch dem Lehrer gegenüber, dem süßen Popsänger und seinem doppelseitigen Interview in der Bravo oder der Vier im Erdkundetest teilhaben lassen. Es sei denn, wir hatten gerade Streit. Dann fragte Sandra schon mal in Papas Gegenwart, ob ich den Physiktest zurückgekriegt hatte, obwohl sie dies und die Note selbstverständlich genau wusste.

    Um fünf vor halb zwei dann mußten wir Papa, der nebenan schlief, - meist mehrfach - wecken, worauf er erst einmal das Badezimmer blockierte und dann zur Arbeit fuhr. Und unsere Anspannung löste sich langsam.

  • Elternabend

    Wenn in der Schule ein Elternabend oder Elternsprechtag anstand, bekamen wir in der Regel eine schriftliche Mitteilung für die Eltern, von der wir den unteren Abschnitt dann unterschrieben wieder mitbringen sollten.

    "Elternabend in zehn Tagen," sagte Papa dann genüßlich. "Na, gehen wir aber hin! Dann werd ich den Lehrer aber mal fragen, wie du dich so benimmst! Was, glaubst du, wird er mir sagen?" "Wenn wir hören, dass du dich nicht benimmst, ist aber was los," setzte Mama drohend hinzu. "Du kannst dir ja schon mal Gedanken machen, was passiert, wenn wir heimkommen."

    Ein gutes Gewissen hatten Sandra und ich nie, sei es nun der Wutanfall in der Mathestunde, die Prügelei mit dem ungeliebten Klassenkameraden oder einfach die Tatsache, dass eine von uns in Deutsch geheult hatte.

    Dementsprechend hatten wir immer ein flaues Gefühl im Magen, das wir uns aber nicht anmerken ließen. "Na, was meint ihr?" fragte Papa und weidete sich an unseren Versuchen, unbeteiligt zu wirken. "Zu welchem Lehrer sollen wir denn alles gehen?"

    Während er mir den Klassenlehrer in Aussicht stellte, der mich in Mathematik und Physik unterrichtete, erwog er bei Sandra, ihren Französischlehrer aufzusuchen, denn "der kann mir bestimmt so einiges über dich erzählen."

    Meist blieb es jedoch bei der Drohung, die Elternsprechstunde zu besuchen. Tagsüber arbeiteten Mama und Papa, und es kam ihnen nicht in den Sinn, für so etwas Urlaub zu nehmen. Und abends hatten sie auch etwas andres vor; Papa hatte Kegeln oder Schießen, Feuerwehr oder Sauna, und Mama war mit irgendwelchen Frauen zur Leerung eines Kastens Bier verabredet.

    Fuhren sie aber dennoch gemeinsam einmal zu Sandras Schule oder zu meiner, machten sie sich dafür ausgesprochen schick, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Beide trugen sie Markenturnschuhe, wo wir Kinder mit ausgefransten Lackschuhen zur Schule gehen mussten. Papa kleidete sich zudem in einen teuren karierten Blazer mit gepunkteter Krawatte und einem Hemd mit Nadelstreifen, während Mama ihr schönestes Oberteil trug.

    Kehrten sie dann zurück, machte sich Mama direkt wieder auf den Weg zu ihrer nächsten Verabredung, derweil sich Papa noch die Zeit nahm, diejenige, bei deren Lehrer er war, zu fragen: "Na, was meinst du denn, hat der Lehrer gesagt?" "Keine Ahnung," pflegte ich zu antworten, denn das entsprach der Wahrheit.

    Lief es bei mir in der Schule grade mal gut, hieß es, ich sei verhaltensgestört; kicherte ich einmal mit dem Rest der Klasse über den Wutanfall des Lehrers, störte ich den Unterricht. Prügelte ich mich mit dem Klassenclown, paßte ich mich nicht an, und hatte ich einmal meine Hausaufgaben nicht gemacht, weil ich tags zuvor nach Schule, Hausarbeit, Stalldienst, Reiten und Holz abladen einfach zu müde dafür war, war dies natürlich immer der Fall. Kurzum,ich konnte immer nur vage erahnen, welches Proble meine Lehrer gerade mit mir hatten.

    Sandra ging in diesem Fall immer gleich zum Angriff über. "Ja, was weiß ich denn, was er gesagt hat?" fuhr sie auf. "Entweder du erzählst es mir jetzt und machst nicht so einen Aufstand darum, oder du lässt es bleiben!"

    In der Regel war es dann immer das gleiche, was Sandra und ich zu hören bekamen. "Der Lehrer sagt, du bist vorlaut und frech," hielt Papa uns vor, ohne uns darüber zu informieren, welcher Lehrer konkret dies gesagt hatte. "Außerdem führst du dein Heft total unordentlich und könntest bessere Noten haben, wenn du mal ein bißchen was für die Schule tun würdest! Willst du etwa sitzenbleiben? Das gibt es hier nicht!"

    "Ja, ja," stöhnte Sandra, oder "ja, ja" stöhnte ich. Dann gingen wir zur Tagesordnung über, während Papa ins Bad verschwand, sich des ungewohnten Aufzugs entledigte und sich dann, sich vermutlich über den vertanen Abend ärgernd, auf das Sofa legte, die Fernbedienung nahm und loszappte.

    "Das gibt es nicht, faulenzen!" sagte er dann, als er ein Programm gefunden hatte, das uns allen gefiel. "Du gehst jetzt hoch und lernst Mathematik, ich komm gleich gucken!" Und vorbei war es mit dem gemütlichen Fernsehabend. Papa pflegte uns sogar noch nachzulaufen um zu kontrollieren, ob wir wirklich lernten - mangels Schreibtisch im Zimmer lümmelten wir uns dazu auf dem Bett, ich mit einem Holzkoffer als Unterlage, der eine Spielesammlung beherbergte. Und wehe, wir starrten dann nur ins Buch und schrieben gerade nichts!

    Gewonnen hatte er mit solchen Aktionen jedoch bei mir nichts. Für mich blieben manche Schulfächer einfach böhmische Dörfer. Selbst wenn Sandra dazu verdonnert wurde, mit mir zu lernen - und sie gab sich wirklich alle Mühe - verstand ich kein Stück. Was blieb, war Papas Psychoterror.

  • Samstagfruehstueck

    Eine der wunderschoenen Erinnerungen an meine Kind- und Teeniezeit sind die Samstagfruehstuecke. Diese waren vor dem Sonntagmittagessen die letzten Mahlzeiten die wir alle zusammen einnahmen.

    Es ging kein Wecker. Wer als erstes wach wurde war fuer das Zubereiten des Fruehstueckes zustaendig, und wer von dem Duft nicht geweckt wurde durfte aus dem Bett gebeten werden. Meist war dies jedoch nicht noetig: der Duft von frischem Kaffee und Bratei (mit Speck!) durchzog bald das Haus, wehte die Treppe hinauf, krabbelte unter der Tuerritze hindurch, stieg mir direkt in die Nase, und schon waren meine Lebensgeister geweckt.

    Wen ich nur wenige Minuten spaeter in die Kueche kam bereits der Tisch ueppig gedeckt, frische Broetchen haeuften sich in einem viel zu kleinen Korb und eine riesige Pfanne gefuellt mit zentimeterdickem ruehrei stand in der Mitte des Tisches. Grosszuegig haeuften wir uns nacheinander davon aufs Broetchen. Ruehrei war immer der einzige Belag unter dem ich Butter ass, da ich es mochte wie diese schmolz und in das frische Brot sickerte. Alles andere was auf dem Tisch stand war meist bloss Zierde und wurde meist nicht auch nur angesehen.

    Machte mein Vater das Ei, war es immer viel zu fett, doch selbst als meine Essprobleme am schlimmsten waren verzichtete ich lieber fuer den ganzen Rest des Tages auf weitere Nahrung als auf mein Schwarzbrot mit dick Ruehrei drauf zu verzichten. Machte ich das Ei war es so duenn dass mein Vater es doppelt schlug und Schinken drunter legte und so fettfrei dass es unten schwarz war. Meine Schwester machte kein Ei (wahrscheinlich hatte sie mir die Eier aufgeschlagen), doch das meiner Mutter war immer perfekt.

    Noch heute liebe ich meine Brateibroetchen ueber alles, esse sie jedoch eigentlich viel zu selten. Bei den Schwaben kann man solche Broetchen kaufen, und wenn ich das morgens im Winter schon mal tue lasse ich es gern mindestens 20 Minuten ungegessen auf meinem Schreibtisch liegen um mich von dem Duft betoeren zu lassen und die Vorfreude zu steigern.

    Heute gabs es wieder bei uns zuhause, verfeinert nur mit selbst gezogenen Kressesamen. Sonst nichts:

    (Untitled)

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    Freitags Abends saßen Sandra und ich zumeist bei Vera und Benny, wo wir fern sahen, Kette rauchten und einen guten Schluck tranken. Gelegentlich rauchten wir den einen oder anderen Joint, spielten Brettspiele, knabberten Chips oder spielten Dart, wobei sich Vera immer tierisch aufregte, wenn jemand daneben traf und die Tapete durchlöcherte.

    An manchen Tagen gingen wir auch aus. Dann machten wir uns richtig schick, so trug ich zum Beispiel gerne die angesagten schwarzen Shorts, schwarze Nylons, Stöckelschuhe und eine grüne Seidenbluse mit goldenen Knöpfen, die einst Mama gehört hatte. Ich hatte damals keine Figurprobleme und genoß es, wenn die Männer mir hinterher starrten. Sandra trug Erdfarben, die ihr gut standen, und eine Halskette mit großem Anhänger, Benny hatte sich in schwarze Jeans, weißes Hemd und Bikerstiefel mit Silberschnalle gekleidet und sein schulterlanges Haar zum Pferdeschwanz gebunden.

    Vera hatte nicht so viele Möglichkeiten, sich zu stylen. Traf man sie wochentags in engen weißen Radlerhosen an, unter denen sich die Cellulitis und der schwarze Stringtanga abzeichneten, hatte sie sich in einen wadenlangen dunklen Rock gezwängt und in eine lange weiße Bluse, unter der man oberhalb der linken Brust einen Schatten erkennen konnte. Kenner wussten, dass es sich dabei um ein Tattoo handelte - eine grinsende Bulldogge -, aber wenn sie ausging, tat Vera alles, um ihre diversen Tätowierungen zu verdecken. Gerade so, als ob sie ihr jetzt nicht mehr gefallen würden. Das schwarzgefärbte Haar offen, zierliche Ohrringe, die ob ihres breiten Kopfes etwas lächerlich wirkten, pastellfarbenen Lidschatten und Lipgloss aus Walfett machten den Look komplett.

    Meist gingen wir zum Essen, so zum Beispiel in die Pizzeria oder zum Chinesen, wo Vera immer das Teuerste und Ausgefallenste bestellte. Ich glaube, trotz ihrer barocken Figur bestellte sie ihr ausladendes Menü nicht aus Appetit, sondern eher, um Sandra und mir zu zeigen, was sie sich alles leisten konnte. Sandra war in der Regel nach dem Hauptgang schon satt und trank anschließend einen Capucchino, ich orderte je nach Hunger gern noch eine Zabaione, Benny war mit dem Hauptgang zufrieden, aber Vera tat es nicht unter drei Gängen.

    Manchmal fuhren wir auch ins Candle light, eine lauschige Bar mit gemütlichen kleinen Nischen. Kirschsaft mit Banane war das Getränk dieses Sommers, und ich liebte es. Auch wenn Benny stets das Auto steuerte und wir daher etwas trinken konnten, verzichtete ich oft darauf. Bier mochte ich nicht so gern, Wein ließ mein Lehrlingsgehalt auch nur sehr selten zu, Cola und Limo waren zu langweilig.

    Wir saßen da und unterhielten uns, alberten herum und genossen den Tapetelwechsel. Eines mehr oder weniger schönen Tages langweilten wir uns ein bisschen. Gern hätten wir Karten gespielt, aber erstens hatte niemand Spielkarten dabei und zweitens wäre es uns in dieser noblen Umgebung irgendwie nicht angemessen erschienen.

    Unsere Blicke glitten in die benachbarten Nischen, wo andere Gäste saßen. Neben uns hatte sich ein junges Paar niedergelassen, eine schlanke, gut aussehende Ausländerin und ein Typ mit Anzug und Krawatte. Die beiden saßen einander gegenüber, lächelten sich an und redeten leise miteinander. Man konnte förmlich erkennen, dass es leicht zwischen ihnen knisterte. Obwohl der Mann nicht mein Typ war, wäre ich gern an Stelle der jungen Frau gewesen, die sich umwerben ließ.

    "Die haben sich gerade erst kennen gelernt," stellte Benny trocken fest. "Sonst würde der Typ nicht so balzen." Vera nickte. "Jetzt erst noch ein Gläschen in Ehren und dann ab in die Kiste," kommentierte sie das Geschehen am Nachbartisch. "Bist du sicher?" fragte Sandra. "Die kennen sich wirklich noch nicht gut." "Na und?" rief Vera. "Ab ins Hotel und rein ins Bett, da ist es doch Wurscht ob man sich kennt!"

    "Meint ihr, das ist eine Prostituierte?" erkundigte ich mich. "Kann sein," antwortete Sandra. "Oder so eine Hostess von einer Begleitagentur. Er ist vielleicht ein Geschäftsmann auf Dienstreise, der am ABend nicht allein weggehen wollte." "Könnte stimmen, so geschniegelt wie der ist." Benny nahm einen Schluck Altbier und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum von der Oberlippe. "Klar." Vera zündete sich eine Zigarette an, was für uns alle das Signal war, ebenfalls zu rauchen. "Tagsüber Termine und abends Bumm-Bumm," fuhr sie rabiat fort. "Und daheim sitzt die Olle mit den Kindern und ahnt nichts."

    Sandra musste lachen. Die junge Frau sah irritiert zu uns rüber. "Jetzt mal im Ernst," raunte ich. "Glaubt ihr echt, die treiben´s heute Nacht noch miteinander?" "Also, ich sag ja," sagte Vera sofort. "Benny?" "Ich weiß nicht recht." "Sandra?" "Ich könnte es mir vorstellen."

    In diesem Stil ging das Gespräch weiter, und wir konnten uns vor Lachen kaum noch halten. Unsere Tischnachbarn, welche unsere Blicke spürten, wurden zusehends nervöser, und schließlich standen sie auf, um zu gehen, wobei sie uns pikierte Blicke zuwarfen. Wir konnten uns vor Lachen kaum noch halten.

  • Kaputt!

    Wenn etwas kaputt war, konnte dies verschiedene Gründe haben. Die Sing- und Sprechpuppen galten als "kaputt", wenn die Batterien leer waren und niemand uns eine neue kaufte. Wozu denn auch? Das wäre ja ein Wunsch außer der Reihe gewesen, und etwas wünschen durften wir uns nur zu Weihnachten und am Geburtstag.

    Ebensowenig war es bei uns so, dass man an einen allgemein zugänglichen Schrank ging, um dort eine Briefmarke für das Schreiben an die Brieffreundin zu holen - ich glaube, wir hatten noch nicht einmal Briefmarken im Haus. Sandra und ich kauften sie von unserem Taschengeld, und wollten wir einmal gleichzeitig an dieselbe Person schreiben, so steckten wir unsere Briefe zusammen in den Umschlag und teilten uns das Porto. Komischwerweise stritten wir jedoch nicht darüber, wer den Briefumschlag stiftete. Der stammte meist von demjenigen, der als erster die Idee hatte zu schreiben.

    Ich bekam als Kind ziemlich viel kaputt - der Kopf meiner Babypuppe riß ab, mein Kinderschminktisch brach zusammen, und als ich mir in der ersten Klasse mit Sandras alter Schreibtafel Luft zufächelte, brach auch diese mitten durch. Ich weiß noch, dass ich von Mama Ärger bekam; sie meinte, da wäre ich ja wohl mit Gewalt drangegangen. "Mit Gewalt", das war so ihr Ausdruck in solchen Situationen. "DAs gibt Platz im SChrank," pflegte Mama zu sagen, wenn sie eine Tasse oder einen Teller zerbrach; als es jedoch mir passierte und ich das gleiche sagte, brüllte sie gleich los, ich hätte besser aufpassen sollen. Und ich, gerade acht oder neun Jahre alt, war wütend, dass ich, wenn ich schon abtrocknen musste, auch noch Schimpfe bekam, wenn mir etwas herunterfiel.

    War jedoch mein Spielzeug kaputt, war dies einfach nur mein Pech. Den Puppenkopf nähte Mama wieder an, aber mit den ganzen anderen Dingen konnte man nicht so ohne weiteres zu Mama und Papa kommen, damit sie es wieder richteten. Wir bekamen aber auch nie Ärger deswegen. Und passierte es Mama oder Papa, hatte auch ich das Nachsehen. Papa pumpte das Hinterrad meines geliebten Tretrollers auf, und der Reifen platzte, was bestimmt nicht seine Absicht gewesen war. Ab sofort hatte ich eben keinen Roller mehr. Und Mama wusch versehentlich meinen gerade einmal getragenen eleganten braunen Wollpullover - ein Erbstück von Tante Gitti - zu heiß, so dass er aussah wie ein verfilzter Babypullover. Sie lachte nur darüber, und ich musste mich bis zu Tante Gittis nächster Spende mit nur einem Sweatshirt und einem Pullover begnügen.

    Ärger bekamen wir, wenn wir Dinge des allgemeinen Haushalts zerstörten. Als ich zum Beispiel einmal kehren mußte und auf dem Besen schaukelte, brach der Stiel ab, und ich bekam panische Angst vor meinen Eltern. Ich war ganz erstaunt, dass ich keine Dresche bekam, sondern Mama lediglich furchtbar schimpfte und dann zwei Tage später einen neuen Besen besorgte. Als Sandra und ich den Schürhaken ins Feuer steckten und ihn rotglühend wieder herauszogen, bekamen wir einen Abriss, der sich gewaschen hatte, weil das Ding nicht mehr ganz grade war. Und als wir einträchtig aus der Rückseite eines Sofakissens die Fäden herauszogen, bekamen wir sie ebenfalls geschimpft und durften das Kissen mit nach oben nehmen.

    Bei Kleidung war es allerdings anders. Ich weiß nicht, wie viele Hosen ich als Kind beim Spielen und Hinfallen klein bekam - Mama nähte mir einen bunten Flicken auf den Riß im Knie, und damit hatte sich die Sache.

    Alles, was neu war, durften wir nicht benutzen. An den Videorecorder durften wir erst mal nicht ran, den würden wir ja eh nur kaputt machen. Nur wenn wir Mama und Papa, gingen diese aus, einen Film aufnehmen sollten, bekamen wir gezeigt, welche Tasten wir zu drücken hatten - aber auch nur die. Oder wenn wir den Recorder zu Familie Rüttgers bringen oder dort abholen mussten.

    Die Stereoanlage samt Plattenspieler war für uns auch jahrelang tabu. Die Begründung war einfach, dass die Anlage sechshundert Mark gekostet hätte. Bei der Mikrowelle waren es nur hundertfünfzig, aber auch das Gerät durfte zunächst einmal nur Mama bedienen. Ich weiß noch, als ich mich einmal mit Sandra im Bad prügelte und in den Wäschekorb fiel, der fortan eine Riesenbeule hatte, schimpfte Mama auf uns und schrie, so ein Wäschekorb würde hundert Mark kosten. Wie es zu der Beule gekommen war, wollte sie gar nicht erst wissen.

    Ich weiß noch, dass Papa uns einmal alle drei wütend zusammenrief und im Badezimmer antreten ließ. Er hatte einen ca. drei Zentimeter langen und einen halben Zentimeter breiten Kratzer am äußeren Badewannenrand entdeckt und wollte nun wissen, wer dafür verantwortlich war. Ich war es nicht, aber auch sonst bekannte sich niemand dazu. Ich wußte aber genau, was passieren würde, hätte sich jemand zu der verwerflichen Tat bekannt: war es Mama, war es entweder in Ordnung, oder er rief, da sei sie bestimmt wieder besoffen gewesen. Sandra oder mir würde Papa direkt eine runterhauen. Und hinterher laut klagend mit einem "Scheißweiber, ihr macht mir alles kaputt, wofür ich gearbeitet habe!" verschwinden.

    Als Sandra und ich mit Papa alleine wohnten, hatten wir für die regnerischen Tage, an denen man die Wäsche nicht draußen auf die Leine hängen konnte, klappbare Wäscheständer der billigsten Sorte, auf die man mit etwas Glück gerade den Inhalt einer Waschtrommel hängen konnte. Der erste brach mir zusammen, als ich meine Bettdecke wusch und sie dann zum Trocknen drauflegte. Ich besorgte einen neuen, bevor irgend jemand meckern konnte. Der zweite Ständer brach kurze Zeit später bei Sandra genau an derselben Stelle auseinander wie der erste zuvor, und auch sie musste ihn ersetzen. Und den dritten fixierte Papa mit einem Stück Kordel, damit der nicht auch noch den Geist aufgab und er ihn womöglich als nächster bezahlen musste. Erst bei Natis Einzug besorgte er dann zwei Ständer einer bekannten Marke, die um einiges mehr aushielten.

    Aber schon komisch, dass die unbeabsichtigte Zerstörung von Familieneigentum immer irgend etwas mit "Schuld" zu tun hatte - man war mit Gewalt drangegangen oder hätte eben besser aufpassen müssen, wurde einem einfach so unterstellt.

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